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Heutiger Stand der Implantatsysteme


 
Der implantologisch interessierte Kollege kann heute in Deutschland zwischen mehr als 100 Implantatsystemen wählen. Da sich die Frage nach dem richtigen Implantatsystem immer wieder stellt, ist sicher Anlaß zu erörtern, was
ein zeitgemäßes Implantatsystem dem Chirurgen und Prothetiker bieten sollte.

Da die Anforderungen unterschiedlich aufgeteilt sind, werden wir zuerst auf die chirurgischen Probleme eingehen. Wenn wir heute Implantatformen betrachten, so hat sich sicher eine rotationssymmetrische Schraube als Grundform durchgesetzt. Sie bietet sichere Primärstabilität und einfaches chirurgisches Handling. Alle anderen Typen, wie Blätter oder Hohlzylinder, haben nur noch Rand- bzw. historische Bedeutung. Seit Mitte der 90er Jahre hat zudem eine wurzelangenäherte Form der Schraube Einzug gehalten, welche vor allem im Bereich der Sofortimplantation und des Einzelzahnersatzes Vorteile bringt. Um alle Indikationen abzudecken, bieten die meisten großen Hersteller Implantate mit Schrauben- und Wurzelform an, welche prothetisch kompatibel sind. Kleinere Hersteller beschränken sich meist auf eine Formgebung, welche eine Kompromißlösung darstellt. Ob verschiedene Implantatformen einem Kompromiß-Implantat wirklich überlegen sind, ist aber noch nicht hinreichend geklärt.
Titan ist heute und auch in die nahe Zukunft hin das Material, welches in der Implantologie als Standard anzusehen ist. Es ist in jeder Hinsicht getestet und wirtschaftlich anwendbar. Vollkeramische Implantatsysteme auf Zirkonoxidbasis sind seit kurzem auf dem Markt, haben aber noch Defizite im Bereich der klinischen Langzeiterfahrung, Oberflächenbeschaffenheit und prothetischen Möglichkeiten. Sie sind momentan Nischenprodukte für spezielle Indikationen und Patientengruppne. In wieweit sich dies ändern wird, hängt vor allem von der Vereinfachung der klinischen Anwendbarkeit ab.

Oberflächen

Was die Implantatoberflächen angeht, so zeigt sich, daß moderne Oberflächen der dritten Generation, die nach einer Kombination von Strahl- und Ätzprozessen künstlich oberflächenvergrößert wurden, eine bessere primäre Zellanhaftung und somit eine schnellere primäre Knochenanhaftung bieten. Möglicherweise bringen auf diesem Gebiet biologisch aktive Oberflächenzusätze, z. B. BMP oder dessen Untergruppen, weitere Fortschritte, doch sind hier sicher noch Hürden zu überwinden.

Länge und Durchmesser

Was Implantatlängen und Durchmesser betrifft, so bieten alle Systeme heute eine ausreichende Grundvariabilität. Grundsätzlich geht die Tendenz aber wieder weg von den sehr breiten Implantaten (6,0 - 7,0). Viel interessanter gerade im Frontzahnbereich sind  geringe Durchmesser (3,3 - 3,0).

Ästhetik

Betrachtet man die Implantologie heute, so ist die Osseointegration kein Wunder, sondern sichere Wirklichkeit. Erfolgsraten von bis zu 98 % nach 10 Jahren geben hier sicheres Zeugnis. Vielmehr rückt der ästhetische Langzeiterfolg in den Vordergrund. Dieser ist – wie wir heute wissen – auch abhängig von Lage und Form der Implantat-Abutment-Verbindung. Die meisten Implantate heute haben horizontale prothe- tische Tische mit einer rotationsstabilen Innenverbindung. Außenverbindungen verschwinden zusehends vom Markt. Durch diesen Verbindungstyp besteht aber die Gefahr von Knochenverlust durch die Ausbildung der biologischen Breite. Ein Schlagwort moderner Implantologie ist deshalb das „Platform-Switch“, als Verlagerung der Verbindung zur Implantatmitte. Durch dieses System kann die biologische Breite sicherer eingehalten werden, was langfristig den Knochen um die Implantatschulter erhalten und so das Weichgewebe schützen soll. Mehrere Hersteller bieten diese Möglichkeit an. Es wird spannend zu sehen, wo wir hier in 10 Jahren stehen werden.

Prothetische Anforderungen

Neben den chirurgischen sind aber auch prothetische Erfordernisse für ein Implantat vorhanden. Hierzu gehört zuerst die bereits angesprochene Abutment-Verbindung. Hier muß eine langzeitstabile und lockerungsfreie Verbindung möglich sein. Dies bieten heute nur innenrotationsgesicherte verschiedener Typen und konische Systeme. Zudem sind von einigen Herstellern Einstückimplantate auf dem Markt, d. h. Abutment und Implantat sind untrennbar verbunden. Hier entfällt die Verbindungsproblematik mit einigen, vor allem biologischen Vorteilen.
Doch sind hier die prothetischen Möglichkeiten natürlich eingeschränkt und Divergenzausgleich nur schwer möglich.

Das Grundsortiment an Aufbautypen ist bei den meisten Implantatherstellern abgesehen von kleinen Abweichungen sicher sehr ähnlich, so daß jeder Anwender selbst entscheiden muß, welches Detail für ihn und sein Therapiekonzept von Wichtigkeit ist. Dennoch sollte das System heute für den ästhetischen Bereich vollkeramische Aufbauten vorhalten. Da sich dieser Bereich schnell entwickelt, kann man noch auf einige Neuerungen hoffen. Einige Implantatsysteme lassen sich schon heute mit CAD/CAM-Systemen zur individuellen Abutment- und Ge- rüstherstellung koppeln, welche gerade bei großen Restaurationen nicht nur einen ästhe- tische Vorteil bieten. Gerade Passungs- und Spannungsprobleme, die bei herkömmlicher Gußtechnik immer wieder auftreten, sind so einfach zu umgehen.


Dr. Steffen Kistler
Von-Kühlmann-Str. 1
86899 Landsberg


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