Themenübersicht: Implantologie
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Osteodistraktiongenese – ein Verfahren für den Aufbau atrophierter Kieferareale


 
Vertikale Knocheneffekte stellen in der zahnärztlichen Implantologie eine der schwierigsten Behandlungssituationen dar. Nicht selten zeigen vertikale Kieferkammaufbauten mittels freien Knochentransplantaten oder Knochenersatzmaterialien in Kombination mit Membrantechniken Dehiszenzen, da die Weichgewebsdecke nicht ausreichend mobilisiert werden konnte [1]. Die Weichgewebsabdeckung kann auch durch die postoperative Schwellung derartige Spannungen erfahren, daß die Nutrition reduziert ist und es zu einer teilweisen oder kompletten Nekrose kommt. Ferner zeigen Knochentransplantate durch die zweite Ope-rationsstelle ein erhöhtes Komplikationsrisiko [2].

Jörg Neugebauer, Frank C. Lazar, Joachim E. Zöller 

Die Distraktionsosteogenese wurde von dem russischen Chirurgen Ilizarov für die Verlängerung von Extremitäten entwickelt [3]. Bereits in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde dieses Verfahren in der Orthopädie vorgestellt. Im Bereich der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie findet die Distraktionsosteogenese besonders bei craniofacialen Fehlbildungen Anwendung, da hier unterentwickelte Knochenareale durch die kontinuierliche Mobilisation zu einem harmonischen Gesichtsschädel ausgeformt werden können [4-6]. Bei der Distraktionsosteogenese wird das natürliche Potenzial der knöchernen Wundheilung ausgenutzt, um ein Knochendefizit auszugleichen.

Die Anwendung der Distraktionsosteogenese für den Kieferkammaufbau wurde vor knapp 10 Jahren von verschiedenen Autoren vorgestellt [7-9]. Es zeigte sich jedoch, daß neben dem chirurgischen Vorgehen auch die Auswahl der Distraktionsgeräte und die jeweilige Indikation für den Erfolg oder Mißerfolg der Behandlung verantwortlich ist. Für die Vorbereitung eines Implantatlagers wird nach einer basalen Osteotomie im Defektbereich das mobilisierte Segment mit einem Abstand von 2 mm für 7 Tage fixiert, so daß sich im Spaltraum ein Kallus bilden kann. Nach der Kallusformation wird dieser pro Tag 1 mm mobilisiert, bis der vorhandene Defekt ausgeglichen wird.

Die Hauptindikationen der vertikalen Distraktionsosteogenese stellen heute ausgeprägte Knochendefekte im anterioren Oberkiefer, starke Atrophien im zahnlosen Unterkiefer oder vertikale Knochendefekte im seitlichen Unterkiefer dar. Bei all diesen Indikationen zeigt sich in der Regel eine sehr straffe Fixierung des Weichgewebes von oral. Der Verlust des Distraktionsvektors durch den Zug der Weichgewebe nach oral, stellt die Hauptkomplikation und die Schwierigkeit dieses Verfahrens dar. Die unterschiedlichen Distraktionsgeräte versuchen durch Zapfen, zusätzliche Osteosyntheseplatten oder weitere Retentionsele- mente diesem systemimmanenten Problem Rechnung zu tragen. Aus unserer Erfahrung können wir berichten, daß neben der Optimierung der Systemkomponenten vor allem das Recall und die genaue Beobachtung der klinischen Situation in den ersten Wochen nach der Operation das Operationsergebnis sichern. Der Behandler muß darauf achten, daß ein Abweichen des mobilisierten Segmentes von der ursprünglich gewünschten Distraktionsrichtung nicht erfolgt oder daß eine Fehlposition vor Mineralisation des Kallus korrigiert wird.

Die Vorteile der Distraktionsosteogenese zeigen sich im wesentlichen dadurch, daß das Weichgewebe sukzessive mobilisiert wird. Dehiszenzen oder Infektionen werden bei diesem Verfahren sehr selten beobachtet. Durch das Mitwachsen des Weichgewebes zeigt sich eine ausreichend breite Zone keratinisierter Schleimhaut um die spätere Implantatposition, so daß zusätzliche Maßnahmen zur Weichgewebschirurgie selten notwendig sind. Die Knochenneubildung durch Extension des Kallusgewebes zeigt eine sehr hohe Regenerationspotenz, so daß in diesem Knochenlager mit wenig Implantatverlusten zu rechnen ist oder die Implantate durch eine Sofortbelastung frühzeitig prothetisch versorgt werden können. Da keine Fremdmaterialien im direkten Implantatlager verbleiben, zeigt sich auch in der Langzeitprognose eine geringe Tendenz der Periimplantitis.
Für die Stabilität des aufgebauten Kieferkamms und zur Vermeidung einer Knochenresorption ist es wichtig, daß die Segmente nicht kleiner als 4 mm gewählt werden, da diese eine höhere Resorption zeigen als Segmente mit einer größeren Resthöhe. Bei der Auswahl eines Distraktionsgerätes sollte aus unserer Sicht auf eine geringe Anzahl von Systemkomponenten geachtet werden. Die Kardanik sollte klein, aber ausreichend mechanisch stabil konstruiert sein. Sofern nur kleine Titanelemente aus dem Weichgewebe herausragen, ist eine Schlupfwinkelinfektion relativ selten zu beobachten. Systeme mit verschiedenen Verschraubungen zeigen die Gefahr, daß es aufgrund der hohen mechanischen Beanspruchung durch Zug der oralen Gewebe zu Lockerungen der Systemverbindungen kommen kann.
Distraktionsimplantate haben sich trotz der anfänglichen Euphorie nicht durchgesetzt, da diese als Implantatkörper nicht ausreichend mechanisch stabil für die Langzeitkaubelastung konstruiert waren [10].

Autor
Dr. Jörg Neugebauer, Oberarzt
Interdisziplinäre Poliklinik für Orale
Chirurgie und Implantologie
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie
der Universität zu Köln
Direktor: Univ.-Prof.Dr. Dr. J. E. Zöller
Kerpener Str.32, 50931 Köln



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Röntgenkontrolle am Ende der Distraktionsphase im anterioren Unterkiefer.


Segmentosteotomie und Einbringen des Distraktors bei Frontzahndefekt.


Prothetische Versorgung nach abgeschlossener Distraktionsosteogenese.






 

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