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Ist Vollkeramik die Alternative?


 
Für die Behandlung defekter Zähne wurden bisher überwiegend metallische Werkstoffe eingesetzt, so für plastische Füllungen, Gußinlays, für Kronen- und Brückengerüste. Dabei ist Metall als artfremder Stoff im menschlichen Körper ein Reparaturmaterial, das zwar mechanisch stabil, aber ästhetisch unbefriedigend und in der Mundhöhle auch chemisch labil ist. Keramik hingegen ist im Mund nahezu unlöslich, so daß keine Interaktion mit dem Gewebe stattfindet. Die Biokompatibilität beruht auf der Tatsache, daß sich die Bestandteile der Keramik bereits auf einer hohen Oxidationsstufe befinden. Darum wird der Keramik von Zellbiolo-gen und Dermatologen eine hohe Gewebeverträglichkeit attestiert.

Unter dem Aspekt des natürlichen Aussehens und der Biokompatibilität ist Vollkeramik heute die erste Wahl. Es lassen sich leichter ästhetisch hochwertige Lösungen erzielen, da die Lichttransmission nicht durch ein Metallgerüst behindert wird. Hinzu gesellt sich der besonders Silikatkeramiken zugeschriebene „Chamäleoneffekt“, der eine bessere Anpassung der künstlichen Krone und Brücke in die Zahnreihe bewirkt. Der Übergang von Zahnkrone zur Gingiva bleibt weitgehend unsichtbar, weil Farbidentität und Lichtbrechung keine Differenzierung ermöglichen. Dazu kommt, daß die geringe Wärmeleitfähigkeit der Keramik im Vergleich zu Metall den Zahnnerv schont, der sonst auf Temperaturwechsel schmerzhaft reagiert. Mangelnde Farbtiefe am Kronenrand, Korrosionserscheinungen durch nicht entfernte Metalloxide oder schlechte Gußgefüge und Spaltkorrosion, Durchlichtblockaden, dunkelfarbene Kronenränder, oxidinitiierte Gingivaentzündungen – Stolpersteine in der Metallkeramik – treten bei Keramik nicht auf.
Vollkeramische Kronen und Brücken sind dennoch in der Alltagspraxis trotz der ho-hen Fortschritte in der Werkstoffentwicklung noch keine Standard-Therapielösung, auch wenn im vergangenen Jahr 1,9 Mio Vollkeramikrestaurationen eingegliedert wurden [1]. Zum einen, weil metallkeramische Arbeiten einen Qualitätsstandard erreicht haben, der nur schwer zu übertreffen ist. Zum anderen ist eine gute Kenntnis der Indikation und der Verarbeitungsweise der Keramiken erforderlich, um klinisch dauerhafte Erfolge zu erzielen. Wie im Leistungssport gibt es keine „Alleskönner“. So gibt es bei Dentalkeramiken Spezialisten in den verschiedenen Behandlungsfeldern, die unterschiedliche Eigenschaften aufweisen. Ihre klinische Nutzung hat sich in folgenden Anwendungsbereichen bewährt.

Silikatkeramiken (leuzitverstärkte Glaskeramik, Feldspatkeramik), gepreßt oder CAD/CAM ausgefräst, jeweils adhäsiv befestigt:

  • Einlagefüllungen (Inlay, Onlay), Black- Klasse I, II, und V
  • Teilkronen, Überkuppelung mehrerer Höcker
  • Restaurationen der Black-Klasse IV
  • Veneers im Frontzahn- und im Prämola- renbereich, auch zur Funktionskorrek- tur von Okklusalflächen und Eck- zahnaufbauten
  • Kronen als Einzelzahnversorgung im Front- und Seitenzahngebiet, auch zur Bißhebung
  • Endo-Einzelkronen; Kronen mit Retention im Pulpenkavum (ohne Stiftverankerung).

Lithiumdisilikat-Keramik, gepreßt oder CAD/CAM-gefräst, adhäsiv oder konventionell befestigt:

  • Kronen als Einzelzahnversorgung, Im plantatkronen
  • Brücken mit 3 Gliedern im Frontzahnbe- reich bis zum 2. Prämolar
  • Adhäsivbrücken im Frontzahnbereich, 2-3gliedrig für Lückenschluß mit 1-2 Flügeln.

 

Oxidkeramiken (Aluminiumoxid preßgesintert oder glasinfiltriert, Zirkonoxid teilgesintert oder heiß-isostatisch durchgesintert), konventionell oder adhäsiv befestigt:

  • Kronengerüste zur Verblendung
  • Brückengerüste im Seitenzahnbereich mit gutdimensionierten Konnektoren, bis zu 4 Gliedern (ZrO2, über 6 Jahre klinisch erprobt)
  • Klebebrücken-Gerüst zur Verblendung (ZrO2)
  • Gerüste für Inlaybrücken zur Verblen dung (ZrO2, klinisch noch experimentell)
  • Primär-Teleskope zur Aufnahme von Se- kundärkronen für abnehmbare Brücken
  • Implantat-Kronen und -Brücken, Implantat-Abutments
  • Gefräste extrakoronale Attachments, Kronen mit angesetztem Zapfengeschiebe (ZrO2).


Die Auswahl der Keramik richtet sich nach der Belastung der Restauration (dynamische Okklusion) und nach den lichtoptischen Eigenschaften des Werkstoffs. Einfluß auf die Wahl haben auch Design der Präparation, Platzangebot für Wandstärken, Kronenrand und Konnektoren sowie Befestigungstechnik.

Im Vergleich: Silikatversus Oxidkeramik

Bei den Keramikwerkstoffen gibt es zwei Hauptgruppen, die unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen haben und differenzierte Befestigungstechniken erfordern: Silikatkeramik – der Oberbegriff für Glas/Preßkeramik, Feldspatkeramik und leuzit-verstärktes Silikat – ist der Werkstoff für Inlays, Onlays, Veneers und Teilkronen sowie für Kronen. Silikatkeramik wird als Preßkeramik verarbeitet oder als fräsbare Blocks in mehreren Farbtönen und Transparenzen zur subtraktiven Formgebung in CAD/CAM-Systemen verwendet; sie ist lichtleitend und bietet eine perfekte Ästhetik. Neu sind Silikatkeramikblocks, die mehrere Farbdichten aufweisen und die Transluzenz von Schmelz und Dentin imitieren (Vita TriLuxe, Ivoclar Multishade). Hierbei werden durch die differenzierte Beimischung des charakteristischen Farbpigments drei Schichten verschiedener Farbintensität erzeugt. Der Übergang der Farbintensität von mehr-transparent für den Inzisalbereich bis mehr-opak für gingivanahe Flächen vereinfacht das ästhetische Gestaltungskonzept. Die Biegefestigkeit bis 250 MegaPascal (MPa) erfordert eine adhäsive Befestigung mit dem Restzahn. Mit spezieller CAD-Software können gerüstfreie, vollanatomische Kronen mit individuellen Kauflächen ausgeschliffen werden – ohne zusätzliche Verblendung. Lithiumdisilikatkeramik zählt auch zu den Silikatkeramiken und erreicht eine Festigkeit von 350 MPa; sie ist für Kronen und Brücken im Frontzahnbereich und für Prämolaren geeignet. Die Gruppe der Oxidkeramiken umfaßt Werkstoffe, die für hochbelastete Kronen- und Brückengerüste im Front- und Seitenzahnbereich mit aufbrennkeramischer Verblen-dung sowie für Primär-Teleskopkronen und Implantat-Abutments genutzt werden. Als CAD/CAM-fräsbare Blocks sind sie semitransparent bis opak weiß, bieten also optisch etwas eingeschränkte ästhetische Eigenschaften – können aber dentinähnlich eingefärbt werden. Ihre Stärke ist die hohe Biegefestigkeit von 600 bis 1100 MPa (entspricht 6 - 10 Tonnen Belastbarkeit pro cm2). Gerüste aus Aluminiumoxidkeramik (Al2O3) werden nach dem maßhaltigen Ausfräsen mit Lanthanglas infiltriert und dadurch festigkeitsgesteigert. Zirkonoxidkeramik (ZrO2) gibt es als leicht fräsbare Grünlinge zur Schrumpfsinterung nach der überdimensionierten, subtraktiven Formgebung oder wahlweise als heißgepreßte, endgesinterte Blanks (HIP) zum Ausschleifen.

Das Befestigungsmaterial richtet sich nach der Keramik

ilikatkeramiken (Glas/Preßkeramik, Feldspat) werden durch Komposit am Restzahn stabilisiert. Der kraftschlüssige Verbund wird durch das Anätzen der Keramikoberfläche mit Flußsäure geschaffen. Das anschließende Silanisieren sichert die chemische Verbindung. Der Bonding-Auftrag erhöht die Benetzbarkeit der Keramik für das finale Befestigungskomposit. Lithiumdisilikat und Oxidkeramiken können aufgrund ihrer Eigenfestigkeit konventionell befestigt werden (Zinkoxidphosphatzement, Glasionomerzement). Zusätzliche Haftkraft erzeugen das Silikatisieren und Silanisieren der Oxidkeramik-Kroneninnenfläche, wahlweise durch Sandstrahlen angerauht. Der Trend beim Befestigen ist der selbstadhäsive Zement. Dabei entfallen Silanisieren und Bonding. Er eignet sich aufgrund der guten Dentinhaftung besonders für das Befestigen vollkeramischer Kronen.

Autor

Manfred Kern
AG für Keramik in der Zahnheilkunde e.V.
Postfach 10 01 17, D-76255 Ettlingen
Tel. (0611) 401278,
Literatur: 
[1] Interner Bericht der Arbeitsgemeinschaft für Keramik in der Zahnheilkunde e.V. (2005)



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