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Retraktionsfäden, -Gele und -Lösungen


 
Die Gingivaretraktion dient der besseren Darstellung von Präparationsgrenzen bei Präzisionsabformungen und ersetzt in einigen Fällen die chirurgische Intervention. Funktionsprinzip ist die Aufweitung des Sulkus durch mechanische Verdrängung der Gingiva und ggf. gleichzeitig eine lokale Blutstillung bzw. kurzzeitige Unterbrechung des Sulkus fluid. Neben einigen Pasten handelt es sich hauptsächlich um unterschiedlich strukturierte Fäden bzw. Ringe aus Baumwolle, Filz oder Polyester. Die Fäden sind entweder vorimprägniert lieferbar oder können mit separat erhältlichen Lösungen getränkt werden, die in der folgenden Tabelle ebenfalls
genannt sind.

Zur pharmakologischen Unterstützung des Verdrängungseffektes werden Vasokonstringentien oder Adstringentien entweder in Form von Trockenimprägnierung der Fäden oder als separate Lösungen genutzt. Damit erhöht sich die Erfolgswahrscheinlichkeit der Abformung erheblich: Wöstmann fand gegenüber 19% Mißerfolgen ohne jegliche Sulkuserweiterung nur 16% Mißerfolge bei Verwendung nicht imprägnierter Fäden bzw. Ringe. Diese Zahl sank bei adstringierenden Zusätzen auf 14%, bei vasokonstringierenden sogar auf rund 9% [1].
Vasokonstringentien erleichtern durch die temporäre und lokal erzeugte Blutleere die Abformung also am besten. Bei ihrem Einsatz sind aber auch die denkbaren, dosisabhängigen Nebenwirkungen zu beachten. Um sich die zur Imprägnation verwendete Menge, 0,10 bis 0,20 mg pro cm Fadenlänge, besser vorstellen zu können, ist ein Vergleich hilfreich: Typische Lokalanästhetika (2%, mit Adrenalinzusatz 1:100 000) enthalten pro Milliliter 0,012 mg Epinephrin, bei einer durchschnittlichen Anästhesie werden also ca. 0,02mg Epinephrin injiziert, das entspricht einem Zehntel der in Retraktionsfäden enthaltenen Menge. Bei Patienten mit latenter Herzinsuffizienz, bekannten Herz-rhythmusstörungen und bei Schwangeren ist eine gewisse Zurückhaltung also durchaus angebracht, man sollte solche Fäden dann nicht in einen blutenden Sulkus legen. Auch gesunde Patienten berichten bei umfangreichen Arbeiten mit solchen Lösungen mitunter von vorübergehender „Kreislauf-Aufregung“.
Adstringentien („zusammenziehende Mittel“) wirken durch Eiweißfällung auf Schleimhäuten und Wunden abdichtend. Damit minimieren sie die Sekretion des Sulkusfluid und stillen leichte Blutungen. Zu dieser Gruppe gehören beispielsweise Zinksulfat, Silbernitrat, Tannin, Eisenchlorid,
Aluminiumchlorid und Aluminiumsulfat (Alaun). Alle Adstringentien sind mit pH-Werten zwischen 1 und 4 ätzend und sollten deshalb nicht unbeabsichtigt in Schleimhautkontakt (cave: Augenkontakt) kommen. Auch in niedrigen Konzentrationen lösen sie auf der Rachenschleimhaut unangenehme Sensationen aus (reflexartige Speichelproduktion, Würgereiz, gesteigertes Schluck­bedürfnis). Sie sollten nicht bei Vorliegen akut ulzerierender Gingivitiden angewendet werden. Auf Textilien können sie bleichend wirken.
Einzelne Retraktionsprodukte enthalten zusätzlich noch Antiseptika und Benetzungsmittel. Mitunter besteht die Befürchtung, Retraktionsmaterialien könnten das Abbindeverhalten der Abformmassen beeinflussen. Deshalb testeten wir in Anlehnung an die Empfehlungen Wöstmanns in zwei einfachen Versuchen deren Entfernbarkeit aus unterschiedlichen Elastomeren.
Zunächst benetzten wir die einzelnen Fäden und Ringe mit Speichel und überschichteten sie nachfolgend auf einer Glasplatte mit einem A- und K-Silikon sowie einem Polyether. Nach Aushärtung der Abformmaterialien überprüften wir die Entfernbarkeit. In einem zweiten Versuch wiederholten wir den Vorgang mit einem nicht imprägnierten Faden, den wir zuvor mit drei verschiedenen Retraktionslösungen getränkt hatten. Beim Ausziehen der Fäden ergaben sich drei Varianten:

1) Das Retraktionsmittel läßt sich ohne jeden Widerstand aus der Abformung lösen, die Fäden liegen praktisch „neben“ der Abformmasse. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, diese Retraktionsmittel vor der Abformung immer zu entfernen und den Sulkus kurz zu spülen, da eine chemische Beeinflussung der Abbindereaktion gerade in der am exaktesten zu erfassenden Region nicht sicher auszuschließen ist.

2) Das Retraktionsmittel läßt sich nur gegen einen spürbaren Widerstand entfernen, aber die Trennung erfolgt sauber und in einem Stück. Offensichtlich hat das Retraktionsmittel keinen Einfluß auf das Abbindeverhalten. Wer „auf Nummer sicher“ gehen will, wird den Sulkus trotzdem vorsichtig ausspülen.

3) Die Entfernung des Retraktionsmittels ist nur unter Veränderung der Grenzfläche möglich, z.B. verbleiben Reste des Fadens im Abformmaterial. Es zeigte sich keine erkennbare chemische Interaktion. Im Unterschied zu den vorgenannten Gruppen floß die Abformmasse aber in die etwas porösere Struktur der Fäden ein und härtete dort aus. Durch diese innige Verbindung beider Materialien könnte es beim Entfernen der Fäden aus der abgebundenen Masse zu kleinsten Ausrissen kommen, was besonders in Bereichen nahe der Präparationsgrenze ärgerlich wäre. Auch in solchen Fällen ist das Problem durch vorheriges Entfernen des Fadens leicht zu umgehen.

Redaktion

Literatur

1. Koeck, B. (Hrsg): Kronen- und Brückenprothetik, Praxis der Zahnheilkunde Band 5, Urban & Fischer München 1999.


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