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50 Jahre Konfektionszähne – verbraucht oder brauchbar?


 
Warum eigentlich neue Zähne? Seit über zehn Jahren beglücken die Hersteller den Zahnmarkt sukzessive mit zahlreichen neuen Zahnlinienen. Wissenschaftliche Erkenntnisse und Neuerungen der letzten fünf Jahrzehnte in der zahnärztlichen wie zahntechnischen Prothetik, der Werkstoffkunde und den Herstellungsverfahren, erlaubten und forderten, Zahnformen und deren Kauflächen entsprechend „neu“ zu gestalten. Das hochgesteckte Ziel war, dem Komfort, dem Kauverhalten sowie dem ästhetischen Empfinden von Menschen mit prothetischer Versorgung mehr Rechnung tragen zu können. Dadurch wurde die Konfektion der Natur unter prothetisch-funktionellen Gesichtspunkten ästhetisch nachempfunden. Diese Beobachtungen und Forderungen wurden schon vor Jahrzehnten gestellt:

Der Beweis der Notwendigkeit: Drei Zitate - von gestern bis heute:

1939 - Dr. Hans Rehm

„Bei einem totalen oberen und unteren Gebiß waren die Höcker völlig herunter geschliffen. Die Kauflächen waren plan. Die Patientin klagte darüber, daß sie die Speisen nicht klein bekam. Die Seitenzähne kamen ihr zu „stumpf“ vor. Da an der Ausgestaltung der Plattenbasis (Prothesenextension) und auch hinsichtlich des statischen Aufbaus der Prothese und an der Bißhöhe keine Fehler festzustellen waren, haben wir lediglich die Seitenzähne des oberen und unteren Gebisses durch neue Zähne (Dynamikzähne) ersetzt und in gute Artikulation aufgebaut. Nach dieser Änderung war der Ersatz für die Patientin zu gebrauchen. Dieses Beispiel zeigt uns, daß völlig plane Kauflächen einen Mißerfolg auch dann hervorrufen können, wenn das künstliche Gebiß sonst richtig aufgebaut ist.“[1]

1948- Prof. Dr. Alfred Gysi

„Das mechanische Instrument der Plattenprothese darf also das biologische Geschehen des Kauaktes nicht stören, sondern muß es fördern. Mit Plattenprothesen kann sowieso nur ¼ bis ½ der mit natürlichen Zähnen möglichen Kaukraft erreicht werden, hauptsächlich, wenn die Alveolarkämme weich, schmal oder niedrig sind. Die künstlichen Zähne müssen daher derart geformt und angeordnet sein, daß sie mit reduzierter Kaukraft doch noch einen möglichst guten Kaueffekt erzielen.“[2]

1995 – O.A. Dr. H.P. Huber, Prof. Dr. Lutz W.R. Kobes

„Es gehört von Natur aus nicht zu den Aufgaben der Schleimhaut, eine Prothese zu tragen. Trotzdem kann sie diese Aufgabe mit einer gewissen Toleranz erfüllen.“
Die Toleranz der Schleimhaut kann neben verschiedenen weiteren Punkten durch „Prothesen mit unzureichender Paßform, Okklusion, und Artikulation“ eingeschränkt werden, da sie „mechanisch überlastet wird.“ [3]

„Ich habe aber da so eine eigenen Vorstellung . . .“

Was nicht aus dem Bauch oder aus dem Verstand heraus entschieden werden kann, findet bisweilen seine Entscheidung aus der Brieftasche heraus. Eine Zahnlinie zu wechseln, ist nicht nur eine Sache des persönlichen Geschmacks. Ein Wechsel kostet in der Anschaffung zunächst einmal mehr Geld. Zusätzlich wollen die Wünsche der Patienten, neben den Meinungen der Zahnärzte, auch nicht unberücksichtigt bleiben.

Der Preis

Wenn bei einer geplanten Arbeit die Mehrkosten, dieser Zähne im Vergleich zu den herkömmlich verarbeiteten Fabrikaten ermittelt und diese mit der Summe des Gesamtbetrages der Arbeit in Relation gebracht würden, müssen wir uns dann nicht oftmals schämen, daß wir diese Alternative unseren Patienten im Vorgespräch nicht wenigstens angeboten haben?

Information in Vorfeld

Würden zusätzlich alle Beteiligten im Vorfeld – Zahntechniker und Zahnmediziner besser informiert sein und wüßten unsere Patienten mehr über die realistischen und meßbaren Vorteile, die sich mit so mancher gut durchdachten Weiterentwicklung auf dem Zahnmarkt für sie ergeben könnte, fiele für sie ein Wechsel oftmals gar nicht so schwer.

Sonstige Argumente


Und das gilt doch für jeden prothetischen Zahnersatz, nicht allein für totale oder Klammerprothesen, sondern auch für kombinierte und implantatgetragene Restaurationen. Da werden beispielsweise Geschiebe-Konstruktionen vom Besten und vom Feinsten gemacht, da wird getüftelt und geplant und auch ganz gut in eine solche Arbeit hinein investiert. Und dann, ganz in Weiß und ganz in Rosa, kommt meist statt einer prunkvollen Hochzeit die glanzlose Ernüchterung auf Grund der angebrachten „Kunststoffelemente“.
Es ist schon manchmal erstaunlich, wie viel Energie zuweilen aufgebracht wird, um Argumente gegen eine Verbesserung zu finden, nur damit man sich dem Neuen endlich verschließen kann, anstatt sich einer wesentlichen Verbesserung einfach nur zu öffnen.

Stabil in allen Lagen

In Anbetracht der oben genannten Zitate aus den unterschiedlichen Zeitperioden, ist doch klar zu ersehen, daß seit Jahrzehnten bei der Herstellung von Zahnprothetik die gleichen Ziele an Funktionalität und Lagestabilität prothetischer Versorgungen zum Wohle der Patienten verfolgt werden, was letztlich durch eine klare tripodische Interkuspidation der Seitenzahnpaare untereinander erreicht wurde. Dem Anwender bleibt jetzt nur noch übrig, diese Kontaktbeziehung zu erkennen und die Zähne entsprechend aufzustellen.
Adaption, Kaukraft und Kaueffizienz eines künstlichen Zahnersatzes sind entscheidend von einer korrekten reproduzierbaren Zentrik abhängig, die nur über eine entsprechende Verzahnung von funktionell einwandfreien Kauflächen gesichert werden kann, und das nach Möglichkeit über Jahre hinweg.

Lernwege

Wege, die hier zu sicheren Ergebnissen führen, da sie das Erkennen der Funktion in einer Kaufläche fördern, wie wir sie seit Jahren aus der Okklusionslehre heraus kennen, finden sich in zeitgemäßen Aufstellkonzepten wieder, die heutzutage in Gesellen- und Meisterprüfungen gefordert werden.
Die meisten Zahnlinien lassen sich problemlos in den unterschiedlichsten Aufstellkonzepten aufstellen, wie in der lingualisierten Okklusion, Balancierung oder Front-Eckzahnführung sowie in einer Zahn-zu-Zahn- oder Zahn-zu-Zweizahn-Beziehung. Eine Kalotte, so wie sie im herkömmlichen Sinn seit Jahren in Benutzung gewesen war, ist ebenso nicht mehr von Nöten, da sich diese Zähne Dank errechneter Winkel individuell nach jedem System in nahezu jedem Artikulator zu einem funktionellen Zahnersatz aufstellen lassen.

Anforderung, Material und Herstellung

Bei der Herstellung vieler dieser Fabrikate werden mittlerweile moderne Wege beschritten. Polychrome Zähne (Vielschichtzähne), dreidimensionales Multilayering, IHP-Polymere (vernetzte Molekularbasis) sowie der Einsatz von Nano-Kompositen in der Schmelzschicht bringen moderne Front- und Seitenzähne auch auf Jahre hin farbecht und abrasionssicherer zur Anwendung, als das in der Vergangenheit geschehen ist. Der Einsatz von 3D-Animationen sowie der CAD/CAM-Technologie ermöglichen durch bilaterales Digitalisieren, gespiegelte Quadranten herzustellen, die uns gemeinsam mit den zuvor genannten Vorzügen den ästhetischen, materialtechnischen sowie funktionellen Komfort gleich mitliefern – ja förmlich aufdrängen.

Dank

Im Namen aller Anwender sei an dieser Stelle einigen dieser Kollegen einmal gedankt, die bei vielen dieser Zähnen ihr Fachwissen über Okklusion in so herrliche Konfektionszähne haben einfließen lassen:
Dr. E. End, V. Brosch, Prof. C. Marinello, Prof. R. Marxkors, H. Polz, Hirokazu Sato, D. Schulz, Prof. R. Slavicek, Prof. Siebert, J. Stuck.
Des Weiteren danke ich allen Zahnfirmen und insbesondere ihren Mitarbeitern, die mir seit vielen Jahren zum Kennenlernen wie zum täglichen Gebrauch ihrer Zähne mit Rat und Tat zur Seite gestanden sind.

Autor

Karl Heinz Körholz
Hervester Str. 38
D-46286 Dorsten
Tel.: 02369/22282
Fax: 02369/22483
k@rl-heinz.de

Literaturangaben zum Text

[1] Vermeidung und Behebung von Misserfolgen bei totalen Prothesen - Dr. Hans Rehm - Lehmanns Verlag / München/Berlin - 1939
[2] Aufstellen der Zähne für Vollprothesen - Prof. Dr. Alfred Gysi - Schweizer Zahntechniker-Vereinigung - Zürich - 1948
[3] Die Totalprothese - Grundlagen, Planung, Ausführung, Nachsorge - O.A. Dr. H.P. Huber, Prof. Dr. Lutz W.R. Kobes - Hanser Verlag München/Wien - 1995



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